16/03/25

Katastrophe vor Hull: Wie konnte das nur passieren?

Ein toter Seemann, eine drohende Umweltkatastrophe und die Frage: Wie war das Schiffsunglück vor der Küste von Yorkshire möglich? 
Katastrophe vor Hull: Wie konnte das nur passieren?

Die Katastrophe nähert sich mehr als eine Stunde und 25 Minuten lang auf gerader Linie, auf einer Route, die aussieht wie eine straff gespannte Schnur. Sie kommt ungebremst, 16 Knoten schnell, und trifft den ankernden Tanker „Stena Immaculate“, beladen mit 220.000 Fässern Kerosin für US-amerikanische Militärjets, direkt von der Seite. Es gibt kein Ausweichmanöver.

Irrsinn vor der englischen Küste

Ich schreibe seit vielen Jahren Geschichten über das Meer, aber etwas wie die AIS-Aufzeichnungen der Schiffskatastrophe vor der englischen Hafenstadt Hull habe ich noch nie gesehen. Die Art, wie der Frachter „Solong“ der Hamburger Reederei „Ernst Russ“ in den festliegenden Tanker kracht, ist schlicht: Irrsinn.

Ein Seemann ist nun tot, einer liegt im Krankenhaus. Dass es 36 Männer in die Rettungsboote schafften und sich in Sicherheit bringen konnten, erscheint angesichts der infernalischen Bilder mit Explosionen und brennender Nordsee wie das Wunder von Yorkshire. Es war so knapp, dass das Feuer manchen Seeleuten die Haare versengte.

Eine Umweltkatastrophe droht

Ob nun eine Umweltkatastrophe folgt, ob Unmengen hochgiftiges Kerosin in die Nordsee auslaufen, ob die Tanks der Schiffe halten und die Unglücksschiffe weiter schwimmen, das werden die nächsten Tage zeigen. Mehrere Umweltschutzorganisationen warnen vor furchtbaren Folgen für das Ökosystem an der Ostküste Englands, Heimat von Papageientauchern, Seehunden, Schweinswalen und Zehntausenden Zugvögeln.

Und die Frage, die über allem hängt wie eine dunkle Rauchwolke: Wie konnte das nur passieren? Ein Matrose der „Stena“ berichtet, der Containerfrachter sei „wie aus dem Nichts gekommen“. Dabei gibt es kein „Nichts“ in der modernen Seefahrt, in der jeder Laie die Position jedes Schiffs über AIS (zu Deutsch: Automatisches Identifikationssystem) genau bestimmen kann.

Polizei verhaftet den Kapitän

Es gibt Radargeräte. Es gibt Warnsysteme. Es gibt in küstennahen und stark befahrenden Gewässern vor Großbritannien die Verpflichtung, die Brücke eines Schiffes zu besetzen. Das Mündungsgebiet des Humber, ein maritimes Wimmelbild, ist nahezu die Definition eines solches Seegebiets.

Steuerte etwa der Autopilot die 140 Meter lange „Solong“, wie einige britische Medien spekulieren? Reagierte deshalb niemand, als das Schiff bei recht ruhiger See mehr 85 Minuten lang wie ein mit 9450 Bruttoregistertonnen vermessener Torpedo auf den Tanker zulief? Eine Untersuchung hat begonnen und erst, wenn sie abgeschlossen ist, wird aus Rätseln Gewissheit.

Während ich meine Kolumne schreibe, meldet die BBC, dass der Kapitän, 59, von der englischen Polizei festgenommen wurde. Der Vorwurf lautet: Verdacht auf fahrlässige Tötung. Er ist russischer Staatsangehöriger, was in Zeiten eines hybriden Kriegs Russlands und der "Schattenflotte" sofort zu Spekulationen führte.

Auf ihn und die Reederei „Ernst Russ“ von der Hamburger Elbchaussee kommen eine Menge Fragen zu.

Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag. Vorher war er Polizeireporter für die Chicago Tribune und arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie max, Stern und GQ von Uganda bis Grönland. Gerade erschien sein neues Buch: „Kleines Buch vom Meer: Häfen“.

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