06/12/20

Stefans Geschichten vom Meer: das vorgezogene Weihnachtswunder

Stefans Geschichten vom Meer: das vorgezogene Weihnachtswunder - Ankerherz Verlag

Das vorgezogene Weihnachtswunder. In Stefans Geschichten vom Meer geht es in dieser Woche um eine aktuelle Rettung auf dem Atlantik, die an ein Wunder grenzt…

Der Atlantik war ruhig und der Segler hatte lange an Deck gesessen, um in den Sternenhimmel zu schauen. Eine weite Stille lag über dem Ozean vor der Küste von Florida. Am Freitagnachmittag hatte er mit seiner Motoryacht die Marina von Port Canaveral verlassen. Eigentlich plante er nur einen kurzen Törn, wie so oft, doch hatte sich dann anders entschieden. Solch ein Frieden draußen auf dem Meer, verglichen mit dem, was derzeit im Corona-Land los ist.

Kurz nach Mitternacht am frühen Sonntag wurde Stuart Bee, 62, wach. Wasser drang in sein Boot, eine elf Meter lange Motoryacht namens „Sting Ray“. Viel Wasser. Stuart Bee bekam Panik. Ihm blieb keine Zeit, einen Notruf abzusetzen. Er schaffte es irgendwie, aus der Kabine zu kommen, die eine tödliche Falle zu werden drohte. Dann kenterte das Boot und trieb kieloben in der See. Bee gelang es irgendwie, auf den Rumpf zu klettern. Bekleidet mit einem T-Shirt, in der Dunkelheit der Nacht. Er klammerte sich fest.

Dann begann er, zu warten und zu hoffen.

Was sich in dieser Woche vor der Ostküste Floridas ereignete, geht als vorgezogenes Weihnachtswunder durch. Anders kann man die Rettung des Wassersportlers Stuart Bee 86 Seemeilen vor der Küste nicht bezeichnen. „Es ist eine unglaubliche Geschichte“, sagte eine Sprecher der U.S. Coast Guard. „Sie zeigt auch, wie eng die Bindung der maritimen Gemeinschaft an der Küste und dass man aufeinander aufpasst.“

Eine Art Weihnachtswunder

Dass Stuart Bee gefunden wurde, verdankt er nicht nur einem unglaublichen  Zufall. In Cape Canaveral wunderte sich ein Mitarbeiter der Marina, dass das Boot nicht wie gewohnt am Liegeplatz lag. Hatte Stuart nicht gesagt, dass er nur kurz raus wolle? Er kontaktierte Bees Bruder, der vergeblich versuchte, eine Verbindung zur „Sting Ray“ zu bekommen. Besorgt wandte er sich an die Coast Guard, die sofort eine Suchaktion startete. Patrouillenboote liefen aus, ein Hubschrauber stieg auf und man wies sämtliche Schiffe vor der Küste an, nach der vermissten Motoryacht Ausschau zu halten.

Draußen auf See hielt Stuart Bee sein Leben weiter fest. Wie es sein mag, in einer solchen Situation klarzukommen? Mit der Angst, dass niemand kommt? Ich habe mit Seeleuten gesprochen, die Untergänge überlebten und in Rettungsinseln trieben. Sie sagten mir, dass Zeit in einer solchen Lage keine Rolle spielt. Es gibt kein Gefühl für Zeit. Es geht nur darum, sich auf das Überleben zu konzentrieren.

Ein Schiff am Horizont

Stunden vergingen. Bee hatte großen Durst. Dann sah er einen Punkt am Horizont. Ein Schiff! Er zog sein T-Shirt aus und begann, zu winken. „Ich hatte das Gefühl, das Schiff komme näher“, erzählte Bee später. Tatsächlich hatte ihn die Crew des Containerfrachters „Angeles“ entdeckt und hielt mit voller Fahrt auf ihn zu.

Angeles heißt übersetzt: Engel.

Lange dauerte es nicht mehr, bis der Frachter den Havaristen erreichte. Bee schwamm hinüber und kletterte über eine Strickleiter an Bord. Das Foto des Moments, als der Schiffbrüchige überstieg, es ging um die Welt: Es zeigt einen Mann, dem die Entbehrungen, die Erleichterung und eine tiefe Dankbarkeit über diese Art Weihnachtswunder ins Gesicht geschrieben sind.

Er bleibt an Bord der Engel

Die Küstenwache bot Bee an, ihn nach Cape Canaveral zu bringen, doch er lehnte ab. „Mich hat bewegt, wie sehr sich die Crew über meine Rettung freute. Ich wollte auf der Angeles bleiben. Das sind die nettesten Männer, die ich mir vorstellen kann“, sagte Bee Reportern in Wilmington, US-Bundesstaat Delaware, dem nächsten Hafen des Frachters.

Eine Nachrichtensendung zeigt, wie er die Crew der „Engel“, Seeleute von den Philippinen, ein letztes Mal grüßt. Er hat Tränen in den Augen. Wie es mit ihm weitergeht, das weiß Bee noch nicht, denn er lebte auf seiner Yacht.

Er hat alles verloren, aber ein neues Leben gewonnen.

Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet den Ankerherz Verlag. Vorher war er Polizeireporter für die Chicago Tribune und arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie max, Stern und GQ von Uganda bis Grönland. Vor kurzem erschien sein neues „Kleines Buch vom Meer: Helden“, das er gemeinsam mit Olaf Kanter (Spiegel) schrieb.

 

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