Ich meide auf Reisen große Hotelketten und suche stattdessen immer kleine Unterkünfte aus, am liebsten jene, die etwas über ihre Stadt oder ihre Region erzählen. Als ich auf einer Buchungsplattform einen alten Pub in Hampshire entdeckte, in einem sehr alten Marktstädtchen namens Bishops Waltham, war klar: Treffer! Viel besser als ein Großhotel im nahen Southampton, wo tags darauf unser Schiff Richtung Hamburg ablegte.
Der Admiral von Trafalgar
Was ich nicht wusste, stand zu meiner Begeisterung auf einer blauen Plakette an der Hauswand des „The Crown Inn“: Admiral Pierre de Villeneuve war hier nach der Seeschlacht von Trafalgar im Oktober 1805 interniert. Knapp zweihundert französische Offiziere lebten im Ort, ihr Befehlshaber residierte in diesem Gasthaus. Villeneuve hatte das vielleicht wichtigste Seegefecht der Geschichte gegen den Briten Horatio Nelson verloren – trotz einer Überzahl an Schiffen, Kanonen und Soldaten.

Nun muss ich zugegeben, dass ich ein wenig „nerdig“ bin, was historische maritime Dinge betrifft. Einmal flog ich nach London, nur, um mir die Uniform Nelsons aus Trafalgar anzusehen – Original mit Einschussloch – die im Royal Museums Greenwich ausgestellt ist. Erkenntnis: Der britische Nationalheld war ungefähr so groß wie ein Pint.
Seekrank in Zimmer 1
Spannend war, dass wir in Bishops Waltham „Room No. 1“ bekamen, an dessen Tür „Villeneuve“ stand. Ich musste mich tief bücken, um hineinzukommen. Der Plankenboden des Zimmers ist so schief, dass man sich leicht seekrank fühlt, die Wände wurden mit edlem Holz vertäfelt und sind mit Ölgemälden von Seegefechten und einem Porträt des prominenten Ex-Bewohners verziert.
Ob Admiral Villeneuve im alten Himmelbett übernachtete? Ich fragte im Pub nach, doch man ließ die Frage natürlich offen. Kopfkino nach dem Pint Ale.

Was ich erfuhr: Villeneuve soll auf eigenen Wunsch die Trauerfeier seines Rivalen Nelson in London besucht haben. 1806 kehrte er im Austausch für drei Kapitäne nach Frankreich zurück und wollte wieder in der Marine dienen, wurde aber abgelehnt.
Übte Napoleon Rache?
Am 22. April fand man ihn tot in einem Hotelzimmer der Hafenstadt Rennes; angeblich soll er sich mit mehreren Messerstichen selbst getötet haben. In britischen Zeitungen hingegen wurde spekuliert, dass ihn Napoleon als Rache für die Niederlage in Trafalgar ermorden ließ.

In dieser Nacht im Himmelbett des Admirals schlief ich tief und träumte seltsame Sachen. Von Seegefechten in bunten Kostümen und einem aufgeblähten Präsidenten mit einem orangenen Gesicht, der seine Armada losschickte, um die Insel Grönland zu erobern.
Einfach so, weil er dachte, dass er es konnte.
Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag. Vorher war er Polizeireporter für die Chicago Tribune und arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie max, Stern und GQ von Uganda bis Grönland. Gerade erschien sein neues Buch „North Star“.


























